Tagung zum Thema „Reisebilder von LateinamerikanerInnen“
19.-20. Februarebruar 2016
Ort: Universität des Saarlandes

Europa wurde im 19. Jahrhundert zum bevorzugten Reiseziel der Eliten aus den ehemaligen Kolonialgebieten. Diese Tendenz zeichnete sich auch in den neu gegründeten lateinamerikanischen Nationen ab, die sich nach den Unabhängigkeitskriegen mit der Aufgabe konfrontiert sahen, eigene Bilder für die in ihrer Entstehung begriffene Nation zu entwerfen. Oft wurden die Intellektuellen und KünstlerInnen der jeweiligen Nationen mit dieser Aufgabe beauftragt. Einerseits ging es darum, eigene Sinnbilder zu suchen, die eine Befreiung von der jahrzehntelang importierten kolonialen Sicht, die “das Andere“ definierte, ermöglichen sollte. Auf der anderen Seite stellten die ehemaligen Kolonialmächte immer noch Vorbilder zur Verfügung, die es nicht bloß zu kopieren galt, sondern die Anlass dazu gaben, neue Wege einer kollektiven Identitätskonstruktion anzustreben. Vor diesem Hintergrund bedeutete eine Europa-Reise für viele dieser KünstlerInnen und Intellektuellen eine Bildungsreise: Eine Reise zu Ursprungsbildern der eigenen kolonialen Ahnengeschichte und gleichzeitig eine Reise auf der Suche nach Leitlinien für den Aufbau anderer, „eigener“ Modelle. Auch im 20. Jahrhundert gehörte die Bildungsreise nach Europa zum festen Bestandteil der Eliten Lateinamerikas, obwohl sich auch schon andere Reisemotive zu erkennen geben (David Viñas).

Auf diesen Reisen waren Notizbücher, Reisehefte sowie auch der Fotoapparat ständige Begleiter. Obwohl die schriftliche Produktion im Vergleich zur visuellen überwiegt, haben Bilder und Zeichnungen eine wichtige Funktion, besonders in den Reiseheften von KünstlernInnen und ArchitektInnen. Die visuelle Produktion kann sowohl den Text kommentieren, als auch einen eigenen Weg in der Wissensproduktion einschlagen, indem eine andere Wahrnehmung ermöglicht wird, die sich nicht unbedingt im Text widerspiegelt oder in schriftlicher Form wiedergeben lässt.

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Zielsetzung:
In dieser Arbeitstagung möchten wir auf der Grundlage eines Korpus von Reiseheften, Notizbüchern, Filmaufnahmen und Fotografien zeitgenössischer lateinamerikanischer KünstlerInnen und Intellektueller arbeiten. Die in Frage kommende Zeitspanne ist groß und reicht vom Ende des 19. Jahrhunderts bis in die heutige Zeit. Ein besonderes Interesse soll denjenigen Phasen gewidmet werden, die starke Zäsuren für die europäische Geschichte implizieren: zum Beispiel der Zeit nach den beiden Weltkriegen, der Periode nach dem Zerfall des Ostblocks oder der Jahre der aktuellen wirtschaftlichen und politischen Krise. Zu untersuchen ist folgende Fragestellung: Wenn die Werte des westlichen „Zentrums“ auseinanderzubrechen drohen, wie verhalten sich dann die Stimmen der „Peripherie“?

Mögliche zu untersuchende Aspekte sind:

– Welche Bedeutung und Funktion hat die visuelle Produktion in den Reiseheften? Gibt es mediale Unterschiede, die sich vergleichend herausstellen lassen und die eine Reflektion über die Eigenart der verschiedenen Medien ermöglichen? Herauszuarbeiten wäre, inwieweit wir von einem visuellen Wissen sprechen können, das auf einer „Eigenlogik der Bilder“ (W. J. T. Mitchell, Gottfried Boehm) basiert.

– Welche Bilder von Europa lassen sich herauskristallisieren? Wäre es möglich an einer Typologie der Reisenden zu arbeiten (David Viñas)? Lassen sich Disparitäten der Generationen und Gesellschaftsklassen sowie Gender-Unterschiede feststellen? Und inwieweit lässt sich das Phänomen der Transnationalität ausarbeiten, in dem Sinne, dass viele lateinamerikanische Reisende von Migrantenfamilien aus Europa abstammen. Weiterhin wäre zu analysieren, ob die KünstlerInnen während der Reise transkulturelle Einsichten gewinnen können, zum Beispiel ob sie auf Verknüpfungen zwischen den Orten und den Kulturen aufmerksam werden, diese sichtbar machen und produktiv in ihre Arbeiten integrieren können; ein Phänomen, das sich möglicherweise nicht in den Reiseheften selbst, sondern vielmehr bei einer späteren Aufarbeitung der Reiseeindrücke feststellen lässt.

– Lassen sich aus diesen verschiedenen Blickwinkeln auf Europa Anknüpfungen herstellen, die eine andere Sicht auf die „europäischen Kulturen“ ermöglichen? Inwieweit kann dieser „fremde Blick“ für eine kritische Reflexion über das heutige Europa produktiv gemacht werden?

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Die Arbeitstagung richtet sich insbesondere an Forscher und Spezialisten für Werk und Biographie lateinamerikanischer KünstlerInnen und ArchitektInnen, die interessiert sind, über die Bedeutung und Wirkung der „Europa-Reise“ in der lateinamerikanischen Kunstproduktion zu arbeiten.

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Diese Tagung ist eine Veranstaltung der Fachrichtung „Kunst- und Kulturwissenschaft“  der Universität des Saarlandes Saarbrücken und des Fachbereichs „Neuere Philologien“ der Goethe-Universität Frankfurt am Main.

Konzept und Kontakt:

Jun.-Prof. Dr. Amalia Barboza
Juniorprofessur für Theorien und Methoden der Kulturwissenschaften  Fachrichtung Kunst- und Kulturwissenschaft
Philosophische Fakultät I, Geschichts- und Kulturwissenschaften
Universität des Saarlandes
66041 Saarbrücken
E-Mail an Jun.-Prof. Dr. Amalia Barboza

Dr. Marta Muñoz-Aunión
Institut für Romanische Sprachen und Literaturen
Fachbereich Neuere Philologien
Goethe-Universität Frankfurt
Norbert-Wollheim-Platz 1
60629 Frankfurt am Main
E-Mail an Dr. Marta Muñoz-Aunión

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