Fernreisen sind ein wichtiger Topos in der Kultur- und Kunstwissenschaft. In diesem Forschungsfeld werden normalerweise Expeditionen von EuropäerInnen behandelt, die davon berichten, wie sie das erste mal einen Ort in Lateinamerika, Afrika oder Asien „entdeckten“ und ihm oft gleich einen Namen gaben. Die Reiseberichte und Bilder von diesen Expeditionen prägen bis heute die „entdeckten“ Länder. Aber andersherum spielt die Europa-Reise von Nicht-EuropäerInnen keine Rolle in der Identitätskonstruktion und im Gedächtnis Europas.

In diesem Blog sollen „Entdeckungsreisen“ von lateinamerikanischen KünstlerInnen in verschiedene Medien und Formaten (Arbeitstagungen, Ausstellungen, Filme, Performance) gesammelt und erforscht werden.

Zur Genese des Projekts:
Seit 2013 arbeite ich an der Universität des Saarlandes als Jun.-Professorin für Theorien und Methoden der Kulturwissenschaften. Diese Universität ist, wie andere Universitäten, die sich an den Grenzen zu europäischen Nachbar-Ländern befinden (zum Beispiel Flensburg oder Frankfurt-Oder), eine Europa-Universität. Alle ProfessorInnen von Europa-Universitäten werden gebeten sich mit der „Europa-Forschung“ zu beschäftigen. In dem Konzeptpapier für die sogenannten „Berufungsverhandlungen“ fügte ich deswegen mein Vorhaben ein, mich mit dem „fremden“ Blick auf Europa zu befassen. Da ich in Argentinien geboren bin und in Brasilien eine musikalische Heimat gefunden habe, bot sich an, sich auf den Blick von LateinamerikanerInnen auf Europa zu konzentrieren.

Als ich im Jahr 2014 in Brasilien war und nach Skizzenbüchern und Reisebildern von lateinamerikanischen KünstlerInnen suchte, die eine Reise nach Europa unternommen hatten, wurde mir immer gleich gesagt, dass es in den Archiven und Museen komplette Sammlungen gibt. Ich war sofort begeistert und kurz darauf gleich enttäuscht, als mir die schon bekannten Bilder von EuropäerInnen, die Amerika bereist hatten, gezeigt wurden. Alle Kuratoren und KunsthistorikerInnen konnten mit meiner Suche nichts anfangen: Wie so Reisebücher von LateinamerikanerInnen? Einzig ein Bild, das in der Pinacoteca do Estado de São Paulo aufgehängt ist, wurde mir von einer Kuratorin gezeigt: Eine Zeichnung von einer brasilianischen Künstlerin, Anita Malfatti, die sie während einer Europareise gemacht hatte. Das Bild war aus einem Skizzenbuch herausgerissen und dekontextualisiert als eine einfache Zeichnung ausgestellt. Es war anscheinend nicht wichtig zu zeigen, dass wir es hier mit einem Europa-Bild zu tun haben.

Auf der Suche nach KunsthistorikerInnen und KulturwissenschaftlerInnen, die sich mit der Europa-Reise in der lateinamerikanischen Kunst beschäftigen, wurde mir oft gesagt, dass Europa für Lateinamerika nicht mehr interessant sei und dass deswegen das Thema in Zeiten der postcolonial studies nicht wichtig ist. Ich suchte trotzdem weiter.

Im Februar 2016 organisierte ich mit einer Kollegin der Universität Frankfurt, Dr. Marta Muñoz-Aunión, eine Tagung, zu der wir WissenschaflterInnen einluden, das Phänomen der Europa-Reise in den Künsten Lateinamerikas anhand konkreter Beispiele zu erforschen. An zwei Tagen im Februar befassten wir uns in der Stadt Saarbrücken mit der Geschichte der Europa-Reise in Lateinamerika: von der Bildungsreise bis zur Tourismusreise oder Exilreisen.

Im Dezember 2016 folgt die nächste Arbeitstagung. Diesmal habe ich lateinamerikanische KünstlerInnen eingeladen, die zur Zeit in Europa leben und schon eine oder mehrere Europareisen hinter sich haben. Welche sind die „Trophäen“ und Exponate die auf der Reise gesammelt wurden? Wie verhielt man sich gegenüber Europa? Was nahm man mit, was wurde hinterlassen, was wurde transformiert?

Amalia Barboza

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